Smart Glasses und Barrierefreiheit„Meta hat kein Blinden-Hilfsmittel entwickelt“

KI-Brillen geraten derzeit als Werkzeuge für heimliche Überwachung und digitale Gewalt in die Kritik. Rufe nach einem Verbot werden laut. Für Menschen mit einer Sehbehinderung können sie hingegen im Alltag vieles leichter machen. Wie gehen sie mit diesem Konflikt um?

  • Chris Köver
Person mit Meta-Brille schaut auf Smartphone
Meta bewirbt seine Brillen gerne als Werkzeug für Barrierefreiheit. – Alle Rechte vorbehalten: Imago / ZUMA Press Wire

Mehr als 7 Millionen seiner neuen AI Glasses hat Meta bislang weltweit verkauft – die meisten davon an Menschen, die die Hände frei haben wollen, während sie ihre Umgebung filmen oder sich durch die Stadt navigieren lassen. Nur ein Bruchteil davon wird hingegen von Menschen mit einer Sehbehinderung genutzt. Sie können sich damit im Alltag die Umgebung beschreiben, Texte vorlesen oder durch die Stadt lotsen lassen. Meta bemüht sich immer wieder darum, die Brillen auch als Werkzeug für Barrierefreiheit darzustellen.

In Irland hat das Unternehmen gerade öffentlichkeitswirksam angekündigt, 15.000 Exemplare seiner Brillen an Menschen mit einer Sehbehinderung zu spenden. Der Verband Vision Ireland wird sie über die kommenden Monate verteilen und die Nutzer*innen schulen. Für den Konzern, der mit dem Anbieter “Be My Eyes” kooperiert, um Blinde über die Brille mit sehenden Freiwilligen zu verbinden, ist das auch ein großes Versuchslabor. Wenn App-Anbieter in Zukunft neue Funktionen für die Brille entwickeln, finden sie hier eine solide Nutzer*innenbasis.

Misstrauisch macht der Deal dennoch. Ist das nicht ein bisschen viel Wohltätigkeit-Getue, wenn man bedenkt, dass die Brille gar nicht in erster Linie für blinde Menschen entwickelt wurde?

Vor allem die eingebaute Kamera in den Brillen sorgt seit der Markteinführung für ziemlichen Ärger. Ein kleines weißes Lämpchen soll darauf hinweisen, dass die Brille gerade aufzeichnet. Ob das jedoch reicht, um Umstehende zu warnen, das ist gerade Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen.

Befeuert wird diese Debatte von sogenannten “Rizzfluencern”, die mit der Brille gezielt heimlich Frauen filmen und bloßstellen. Die AI Glasses sind auf dem besten Wege, als “Spannerbrille” in Verruf zu geraten. Erste Kneipen und Veranstalter verbieten schon das Tragen, in Potsdam sind sie auch in Schwimmbädern nicht mehr erlaubt.

Was sagen zu all dem eigentlich diejenigen Menschen, die Meta so gerne ins Zentrum seiner Image-Kampagne stellt? Christiane Möller ist Justiziarin beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Sie selbst will die Brille nicht. Sie möchte die Marketing-Aktion aber auch nicht verurteilen. Für andere könne sie ein Mehr an Möglichkeiten bringen.

netzpolitik.org: Haben Sie die Meta-Brille schon ausprobiert – und was verändert sie im Alltag?

Foto Christiane Möller Oberkörper bis Hüfte
Christiane Möller ist Justiziarin und stellvertretende Geschäftsführerin beim DBSV. – Alle Rechte vorbehalten: DBSV/Ziebe

Christiane Möller: Menschen aus unserem Verband haben Sie getestet. Die Brille ist ja nie dazu entwickelt worden, Hilfsmittel zu sein. Trotzdem entdecken viele Blinde und Sehbehinderte, dass man damit die Selbstständigkeit im Alltag deutlich erhöhen kann. Als blinder Mensch fehlen mir normalerweise Informationen aus der Umwelt. Wie sieht eine Straßenszenerie aus? Hängt da ein Plakat? Diese Informationen hat man einfach nicht, wenn man nicht sieht. Die Brille gleicht dieses Defizit aus. Das bedeutet einen großen Sprung an Teilhabe und das macht sie für viele Blinde und sehbehinderte Menschen sehr interessant.

netzpolitik.org: Haben Sie selbst auch eine?

Christiane Möller: Nein. Das ist aber eine persönliche Entscheidung.

netzpolitik.org: Würden sie sich Zeitungstexte von der Brille vorlesen lassen?

Christiane Möller: Nein, dafür ist sie nicht gut geeignet. Das ist ein generelles Problem von KI-Systemen. Sie lesen Text nicht einfach vor, sondern interpretieren ihn gleich und sortieren ihn. Für das reine wortgetreue Vorlesen würde ich andere Apps nutzen. Die lassen sich mit der Brille allerdings häufig nicht koppeln.

netzpolitik.org: Haben Sie auch Bedenken, was mit den Bildern und Daten geschieht, die die Brille aufzeichnet?

Kameras prüfen, ob du artig bist.

Da werden wir unbequem. Mit deiner Unterstützung.

Jetzt spenden

Christiane Möller: Egal ob mit den Smart Glasses oder anderen Apps. Ich muss mir jedes Mal aufs Neue die Frage stellen: Was lese ich und wo gehen diese Daten hin? Sind sie sicher aufgehoben? Bei einer Lebensmittelverpackung oder Gebrauchsanleitung ist das vielleicht weniger wichtig. Da will ich vor allem, dass die Ausgabe korrekt ist. Aber wenn ich den Brief von der Bank lese, will ich schon wissen: Liest da jemand mit?

netzpolitik.org: Die Frage wurde im Fall von Meta schon beantwortet. Medien haben aufgedeckt, dass Bilder aus den Meta-Brillen zum Teil bei Datenarbeiter*innen in Kenia gelandet sind. Macht ihnen das Sorgen?

Christiane Möller: Das betrifft ausdrücklich nicht nur Meta. Das ist ein Problem bei allen KI-Produkten. Wir benutzen diese Systeme gerade als blinde und sehbehinderte Menschen viel, weil sie uns potenziell zusätzliche Freiheit und Selbstbestimmung geben können. Gleichzeitig ist es ein totales Dilemma, dass man diesen Zugewinn an Teilhabe womöglich mit seiner Privatsphäre bezahlt. Letztlich stellt sich bei all diesen Systemen die Frage, womit bezahle ich diesen Zugewinn an Informationen? Mit Geld oder mit meinen Daten?

netzpolitik.org: Wo liegt denn der Mehrwert der Brille gegenüber anderen speziell für Blinde entwickelten Hilfsmitteln?

Christiane Möller: Viele nutzen das zur Orientierung. Wenn ich zum Beispiel eine bestimmte Treppe auf einem Platz suche, kann ich mich dahin lotsen lassen. Oder ich kann mir die Öffnungszeiten einer Arztpraxis vorlesen lassen.

netzpolitik.org: Das geht theoretisch auch mit anderen Apps zur Navigation oder Texterkennung.

Christiane Möller: Aber die Brille bietet den Vorteil, dass ich dabei die Hände frei habe. Wenn ich unterwegs bin, habe ich oft einen Blindenstock oder einen Führhund dabei. Da hat man immer eine Hand zu wenig. Mit der Brille muss ich nicht zusätzlich mein Smartphone in die Hand nehmen und hoch halten, während ich noch einen Stock und eine Tasche trage. Ich kommuniziere mit der Brille über Sprache. Das ist ein wesentlicher Vorteil. Zugleich bleibt wegen der Knochenleittechnik das Ohr frei und ich höre parallel zu dem, was die Sprache der Brille ausgibt, meine Umgebung.

netzpolitik.org: Meta macht mit der Barrierefreiheits-Funktion sehr prominent Öffentlichkeitsarbeit, zuletzt etwa durch die Spende von 15.000 Brillen an Sehbehinderte in Irland. Wie finden Sie das?

Christiane Möller: Für blinde und sehbehinderte Menschen in Irland ist es gut, wenn sie leichter Zugang zu Möglichkeiten von KI-Produkten erhalten. Nicht jeder kann sich das finanziell leisten. Wenn Sie die Werbewirksamkeit einer solchen Aktion ansprechen, ist das aus meiner Sicht Teil der Marktwirtschaft. Ich halte das weder für gut noch für schlecht. Menschen ohne Behinderung kaufen ja nicht die Brille, weil Meta solche Kampagnen macht, sondern weil sie einen Mehrwert darin sehen.

netzpolitik.org: Sie fühlen sich nicht instrumentalisiert?

Christiane Möller: Auch bei uns sind nicht alle nur begeistert über die Brille. Menschen mit Sehbehinderung sind ja auch unterschiedlich und ein Abbild der Gesellschaft. Die Reaktionen sind entsprechend vielfältig. Das wird sehr kritisch reflektiert. Allerdings ist der Druck bei uns etwas größer, weil das nicht einfach ein Gadget für bessere Urlaubsvideos ist, sondern es darum geht, den Alltag zu erleichtern.

Was mir aber wichtig ist: Jetzt gerade geht es um Meta, aber die Debatten um Produkte bestimmter Firmen führen wir schon länger. Wenn man ein paar Jahre zurück geht, hatten wir die Diskussionen in der Community um Apple oder Android. Apples Betriebssystem war von Anfang an sehr barrierefrei, Android weniger.

Alles netzpolitisch Relevante

Drei Mal pro Woche als Newsletter in deiner Inbox.


Jetzt abonnieren

Ich sehe was, was du nicht siehst

netzpolitik.org: Was wünschen Sie sich von den Unternehmen?

Christiane Möller: Menschen mit einer Sehbehinderung sollten genau wie Menschen ohne Behinderung eine Auswahl treffen können zwischen verschiedenen Produkten. Voraussetzung dafür ist, dass alle diese Produkte barrierefrei gebaut sind, sodass ich mich als Verbraucherin entscheiden kann und nicht nur entlang der Frage, kann ich ein Produkt überhaupt bedienen? Sondern: gefällt mir die Firmenphilosophie, das Konzept?

So wie Menschen ohne Behinderung wollen auch wir, dass unsere persönlichen Daten geschützt sind – unabhängig davon, welcher Konzern das am Ende ist, ob Apple, Meta oder Google. Wir möchten uns genau wie alle anderen auch darauf verlassen dürfen, dass da kein Missbrauch stattfindet.

netzpolitik.org: Die Kamera- und Livestream-Funktion der Brille hat bereits für viel Ärger gesorgt. Sie gerät als “Spannerbrille” in Verruf, Organisationen wie HateAid und der Hamburger Datenschutzbeauftragte plädieren inzwischen für ein Verbot. Wie gehen sie als Verband damit um?

Christiane Möller: Menschen heimlich zu filmen und das ins Netz zu stellen, geht gar nicht. Wir verstehen, dass das für Empörung sorgt. Wir können da keine Lösungen präsentieren. Aber wir haben selbst ein großes Interesse, den Missbrauch einzuhegen. Die Debatte kann kippen, da geht es auch um Stigmatisierung. Am Ende werden womöglich Blinde beschimpft, weil sie solche Brillen als Hilfsmittel einsetzen.

Ein komplettes Verbot sehe ich trotzdem kritisch. Ich glaube, das lässt sich ohnehin nicht mehr aufhalten. Wir müssen eher eine gesellschaftliche Debatte führen, wie wir den Missbrauch aufhalten. Wie zähme ich die Technik und hege sie so ein, dass wir sie zu unser aller Nutzen einsetzen können? Mir wäre lieber, wir schaffen es, den Missbrauch zu bekämpfen und nicht die Technik an sich.

netzpolitik.org: Auch bei einem Verbot für Normalverbraucher*innen könnten rechtliche Ausnahmen für Menschen mit Sehbehinderung geschaffen werden.

Christiane Möller: Meta hat kein Blinden-Hilfsmittel entwickelt. Ich glaube nicht, dass sie die Brillen nur für blinde Menschen auf dem Markt lassen würden. Das wäre wirtschaftlich nicht interessant, die Brillen würden nicht weiter entwickelt und das war es dann.

netzpolitik.org: Was müsste sich denn ändern, damit diese Technologien wirklich im Sinne von echter Inklusion entwickelt werden?

Christiane Möller: Uns ist wichtig, dass die Kunden eine Auswahlmöglichkeit haben. Alle Anbieter sollten grundsätzlich barrierefreie Funktionen haben, sodass ich mich gezielt als Verbraucherin entscheiden kann, welches System ich nutze. Da sind wir in Deutschland noch lange nicht. Das zweite: Es wäre schön, wenn man alle möglichen Apps, die für Sehbehinderte entwickelt wurden, damit koppeln kann – also nicht mit Apple nur Firma X und mit Meta nur Firma Y, sondern übergreifend über alle Systeme. Und letztlich wäre über all diese Produkte hinweg wichtig, dass ich mich darauf verlassen kann, eine Art Safe Space zu haben. Wo ich weiß, wenn ich den Brief von der Bank scanne, kann ich mich darauf verlassen, dass die Daten nicht für das Training der KI verwendet werden oder nach außen dringen.

netzpolitik.org: Was würden Sie Betroffenen raten, die aktuell überlegen, sich solch ein Gerät anzuschaffen?

Christiane Möller: Ich würde ihnen raten, möglichst vieles auszuprobieren und sich vorab gut zu informieren, sich auch mit anderen sehbehinderten Menschen auszutauschen. Also letztlich das, was man vor jeder technischen Anschaffung tun sollte.

Über die Autor:innen

  • Chris Köver

    Chris Köver recherchiert und schreibt über Netzpolitik, Überwachungstechnologien, digitale Gewalt und Jugendschutz. Recherche-Anregungen und Hinweise gerne per Mail oder via Signal (ckoever.24). Seit 2018 bei netzpolitik.org. Hat Kulturwissenschaften studiert und bei Zeit Online mit dem Schreiben begonnen, später das Missy Magazine mitgegründet und geleitet. Ihre Arbeit wurde ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis Informatik, dem Grimme-Online-Award, dem Rainer-Reichert-Preis zum Tag der Pressefreiheit und dem Datenschutz-Medienpreis.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), BlueSky, Mastodon, Signal: ckoever.24

    Foto: Darja Preuss


Veröffentlicht

Kategorie

Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Schreibe eine Ergänzung!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert